Prister und Engel
Allgemein

Kalenderblatt – No.14

Magische Wörter: Geister, Engel, Pech, Schwefel, Eis

Vor langer Zeit lebte einmal ein kleiner Junge, namens Peter. Dem wurde nachgesagt, er könne mit Geistern und Engeln sprechen. Die Menschen aus seinem Dorf mieden Peter aber, weil ihnen das nicht ganz geheuer war. Doch die Leute von Andernorts verirrten sich ab und an zu Peters Haus. Sie hatten eine geliebte Person verloren und suchten Trost in den Worten von Peter. Die Eltern von Peter fanden das gar nicht gut, dass diese Menschen ihren Sohn so bedrängten. Es war für Peter jedes Mal eine schlimme Erfahrung, wenn er mit den Geistern und Engeln sprach, weil er die Schicksale aller Menschen auf Erden ertragen musste, welche in dem Moment, wenn sich die Pforten öffneten, ungebremst auf ihn herunterprasselten. Nach jedem Gespräch mit einem der Angehörigen wurde er von schlimmen Fieberkrämpfen heimgesucht. Um dem entgegenzuwirken, verlangten die Eltern einen hohen Preis für die Gespräche mit ihrem Sohn. Es war also ein wohlhabendes Haus.

Eines Tages kam eine Schaustellergemeinschaft durch das Dorf. Ihr ging der Ruf voraus, dass sie einen heilkundigen Bader bei sich hatten. Tatsächlich hatte dieser das umfangreiche Wissen eines Medikus, wollte es aber nicht offenbaren. Wenn man seine Gefährten fragte, wussten nicht einmal sie, woher der Bader kam, geschweige denn, wo er sein Wissen herhatte. Er war eines Tages irgendwann da.

Nach der Aufführung der Schausteller, wollten also die Eltern von Peter mit dem Bader sprechen, damit er ihrem Sohn helfen könnte. Doch es ringten sich schon so viele Dorfbewohner um den Bader, dass einfach kein herankommen war. Er behandelte jeden der Hilfesuchenden ausgiebig. Der ein hatte starke Zahnschmerzen, der andere schlimmes Bauchweh und es hatte sogar einer den grauen Star. So etwas konnte zu der Zeit fast keiner behandeln. Durch die Gespräche mit seinen Patienten erfuhr der Bader von Peter und seiner Gabe, welche zugleich ein Fluch war.

Auch der Bader hatte solch einen Fluch zu ertragen, denn jedes Mal, wenn er einem todkranken Patienten begegnete, sah er einen Engel ganz in Eis gehüllt hinter diesem stehen. Da wusste der Bader, dass seinem Patienten nicht mehr zu helfen war.

Neugierig geworden, ließ er sich den Weg zum Haus, in dem Peter wohnte, beschreiben und ging, als er alle Patienten versorgt hatte, dorthin. Es verwunderte die Eltern, den Bader vor der Tür zu sehen, doch sie waren froh ihn doch noch sprechen zu können, da die Schaustellertruppe am nächsten Tag schon wieder abreisen wollte.

„Guten Abend, tritt ein, Bader. Was treibt dich in unser bescheidenes Heim?“

„Ich wünsche euch auch einen schönen Abend. Es ist sehr freundlich, dass ihr mich einlasst. Ich komme, um euren Sohn zu sehen, weil ich so viel von ihm gehört habe. Es hat mich ein wenig neugierig gemacht, was mit eurem Sohn passiert ist. Ich habe gehört, er kann mit den Toten sprechen?“

„Ja, weiser Mann“, denn der Bader sah mit seinem langem weißen Rauschebart sehr ehrwürdig aus. „In der Tat. Peter kann mit den Geistern der Verstorbenen reden. Doch wenn er das tut, wird er danach immer sehr krank. Er bekommt hohes Fieber und Krämpfe. Wir wissen uns nicht mehr zu helfen und machen uns große Sorgen um ihn.“

Der Bader drehte den angebotenen Becher Wasser in seinen Händen nachdenklich hin und her.

„Und das passiert immer, wenn er mit den Toten spricht?“

„Zumindest war es bisher immer so, das geht schon seit er sprechen gelernt hat. Meinst du die Geister und Engel wollen Peter etwas Schlimmes? Vielleicht kannst du ja helfen und wir werden nicht weiter von diesem Pech verfolgt.“

„Ob es Pech oder Glück ist, dass euer Sohn diese Gabe hat, kann ich nicht beurteilen, das kommt auf den Blickwinkel an. Für die Menschen, die von eurem Sohn noch einmal eine Nachricht aus dem Totenreich erhalten, ist es vermutlich ein großes Glück … Ich muss euren Sohn zumindest erst einmal anschauen, um mir ein Bild zu machen“, erwidert der Bader diplomatisch.

Zusammen gehen Eltern und Bader in eine kleine Kammer, wo Peter in seinem Bett schläft. Beim Eintreten, ist Peter plötzlich hellwach.

„Ich wusste, dass du kommst“, ist Peter ganz aufgeregt. „Einer der Engel hat es mir verraten …“

„Ruhig, Junge, es ist nur ein Traum.“ Der Bader betrachtet aufmerksam das kleine Gesicht. Die großen schwefelfarbigen Augen waren von dunklen Ringen untermalt. Herbe Züge um die Mundwinkel machten das Gesichtchen älter als das Kind eigentlich war. Der Bader ist erschrocken, denn er sah hinter dem Jungen, den gehassten Eisengel. Es war für den Bader fast unerträglich die kleinen Händchen des Jungen in seine zu nehmen. Als er sie wieder losließ, war der Bader sichtlich erleichtert. Die ganze Zeit über fiel kein Sterbenswörtchen und die Eltern wunderten sich über das Gebaren des Meisters.

„Was ist …“,

„Pst!“, machte der Bader deutlich und nahm erneut die Hände des Jungen.

Der Bader schaute Peter nun intensiv in die Augen. Alles spielte sich innerhalb von ein paar Sekunden ab. Peter konnte sehen, was der Bader alles erlebt hatte. Seine Reise durch unbekannte Länder, in welchen er sich viel Wissen aneignete. Die Abenteuer und Hindernisse, welche er überwinden musste. Sogar die unsterbliche Liebe zu des Baders Frau, welche vor ein paar Jahren verstarb, sah Peter.  Bis hin zum fernen Land Persien, in welchem der Bader sein medizinisches Wissen erlernte konnte der Junge tief in die Seele des Baders schauen.

Doch irgendetwas passierte gleichzeitig. Fast hätte es Peter nicht bemerkt. Ganz im Hintergrund liefen die Seelen und Engel über eine große, gläsern durchscheinende Brücke, an deren Ende der Bader stand.

Peter fühlte sich plötzlich befreit von einer Last, welche er die ganzen Jahre auf seinen kleinen Schultern ertrug und er schlief ein.

Die Eltern waren ganz aufgeregt und die Mutter war schon am Weinen. „Was ist mit Peter, wird er wieder? Was hast du getan?“

„Es wird alles gut“, beruhigt sie der Bader. „Euer Sohn wird jetzt sehr lange schlafen, stört ihn nicht! Gebt ihm zwischendurch etwas von diesem Pulver in einer klaren Fleischbrühe, aber weckt ihn auf gar keinen Fall. Wenn ihr euch daran haltet, wird der Junge, wenn er aufwacht von seiner Gabe erlöst sein und er kann sein Leben leben.“

Kurz darauf verabschiedete sich der Bader von den Eltern. Als er ging, war es den Eltern als schleppte der alte Mann eine Last mit sich, die er vorher nicht ins Haus brachte.

Peter jedoch schlief drei Wochen am Stück, bis er erwachte. An seine Gabe konnte er sich nicht erinnern und lebte sein Jungenleben, wie es so ein Junge nun mal lebte. Ihr wisst schon, Strolcherein, Streiche und Abenteuer. Nur eines blieb dem Jungen haften, als er ins Erwachsenenalter kam, wurde er Apotheker … Woher’s wohl kam?

Vom Bader haben die Eltern lange nichts mehr gehört, doch irgendwann später sprach es sich rum, dass in einem Wanderzirkus ein Bader eine seltsame Gabe hatte …

Er konnte mit den Geistern und Engeln sprechen.

˜ Ende ™

Adventskalender – No.15
Morgen mit den magischen Wörtern:

Rose, Erdbeere, Blut, Wangen, Kirsche

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