Palast
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Kalenderblatt – No.20

Magische Wörter: Alkohol, Bart, Hose, Socke, rote Nase

In einem fernen Land lebte einmal ein Kalif, dem sehr langweilig war. Er lud jeden Abend Gäste ein und veranstaltete allerlei Unterhaltung, um sich abzulenken. Es wurde geschwelgt und geschlemmt und das nur vom Allerfeinsten, denn der Kalif wollte sich auch nicht lumpen lassen. Gaukler vollführten Kunststücke und Magier beeindruckten das Publikum mit wundervollen Tricks. Doch dem Kalifen war es nach wie vor langweilig.

Er strich sich über den langen prächtigen Bart und ordnete seine Hose, die traurig an ihm herunterhing und jammerte: „Wenn es doch nur jemand gäbe, der mich von meiner Langeweile befreien könnte. Ich würde ihm mein halbes Kalifenreich schenken!“

Als das die Gaukler, Wahrsager, Fakire und Magier hörten, strengten sie sich doppelt so sehr an, dem Kalifen war jedoch trotzdem nicht zu helfen. Er lag, mehr das er saß, in seinem Thron herum, aß Gesottenes und in Alkohol eingelegte Früchte und gähnte ungeniert.

Was der Kalif gesagt hatte, kam auch einer jungen Frau zu Ohren und sie dachte bei sich: Ei, da werd ich doch ein Schnäppchen machen. Dem Kalifen werde ich schon auf die Sprünge helfen. Sie verkleidete sich als alter Derwisch und ging in den Palast. Eine Weile schaute sie zu, wie sich die Künstler abmühten und schmunzelte in sich hinein. Als sie es Leid und auch schon etwas gelangweilt war, da ein Kunststück dem anderen ähnelte, meldete sie sich zu Wort.

„Was für ein Kunststück willst du mir denn zeigen, alter Mann? Vielleicht einen Tanz aufführen, eine Schlange tanzen lassen oder eine Jungfrau verzaubern?“, war der Kalif schon von vornherein gelangweilt.

„Mitnichten, mein Hüter der sorglosen Nächte. Ich habe ein ganz besonderes Kunststück für euch ausgewählt, aber ihr müsst dazu mit zu mir nach Hause kommen.“

Der Kalif war erstaunt. So etwas hatte er ja noch nie gemacht. Doch er war nun etwas neugierig geworden, was der alte Mann für ein Kunststück für ihn vorbereitet hatte und willigte ein mit dem Derwisch zu gehen. Gerade als er seinen Hofstaat anwies sich auf die Socken zu machen, unterbrach der Derwisch den Kalifen.

„Ich sagte, dass eure Herrlichkeit mit mir kommen müsste und nicht der ganze Hofstaat, sonst funktioniert mein Kunststück nicht!“

Etwas dreist fand der Kalif schon die Einrede des Derwischs, doch er ließ letztendlich den Hofstaat in dem Palast und begab sich mit dem Derwisch zu dessen bescheidenen Haus.

Dort angelangt meinte der alte Mann: „Ehe ich das Kunststück zeigen kann, brauche ich etwas Holz, um ein Feuer zu machen.“

Also ging der Kalif los und suchte Holzknüttel aus der nahen Umgebung und schleppte sie vor das Haus. Da meinte der Derwisch: „Das ist ja viel zu groß, das Holz muss noch klein gehackt werden, sonst brennt mir ja das Haus ab. Dort drüben steht ein Beil.“

Nachdem der alte Mann dem Kalifen gezeigt hatte, wie man das Beil verwendete, hackte der Kalif das Holz in kleine Klötze. Das brachte den Kalifen so ins Schwitzen, dass er einen ganz roten Kopf bekam und ihm der Schweiß von der roten Nase tropfte und in seinem Bart verrann. Er musste erst einmal seinen Kalifenmantel ausziehen und wollte am liebsten gar nicht mehr aufhören. Doch das Holz war nun alles klein gehackt und der Kalif schaute den alten Mann erwartungsvoll an, was er jetzt wohl für ein tolles Kunststück vollführen möge.

Doch der Derwisch sagte nur: „Gleich geht’s los! Ihr braucht nur noch das Feuer mit dem Feuereisen entzünden.“

Der Derwisch zeigte dem Kalifen, wie man aus dem Metallklotz mit einem Messer Funken schlagen konnte und überließ dem Kalifen das Feuer machen. Er legte lediglich kleine Späne und Rindenfäden zu den Eisen. Das Messer glitt an dem Eisen hinab und Span für Span schälte sich, mit kleinen Funken, von dem Eisen. Das brachten den Kalifen so ins Schwitzen, das er einen ganz roten Kopf bekam und ihm der Schweiß über die gerötete Stirn und die Nase lief und im Bart versickerte. Und er zog auch sein Hemd aus. Fleißig mühte er sich weiter um Funken für ein Feuer und endlich sprang auch ein Funken in die feinen Späne, die zu glühen anfingen. „Halt!“, sagte der Derwisch, blies sachte in die Glut und legte etwas größere Späne nach, die gleich von dem Feuerchen vertilgt wurden. Dem Kalifen gefiel das Feuer und legte auch nach und nach größere Späne nach bis aus dem Feuerchen ein größeres Feuer wurde und den unmittelbaren Umkreis kräftig aufheizte. Am liebsten hätte der Kalif gleich noch ein Feuer gemacht, doch der Alte brauchte ja nur ein Feuer. Also sah er ihn erwartungsvoll an, was das Kunststück nun denn sei.

Und der Derwisch meinte: „Mein Herr aller Sterne, habt ihr nicht auch etwas Hunger bekommen, wenn ihr so schwer arbeitet?“

Jetzt merkte der Kalif, dass er tatsächlich etwas Hunger hatte.

„Ich hole schnell einen großen Topf, doch der Brunnen für Wasser ist etwa 10 chebel (ca. 256 m) von hier entfernt im Dorf, doch das Wasser tragen fällt mir so schwer.“ Der Alte holte den Topf hervor und der Kalif schleppte das Wasser aus dem Brunnen im Dorf bis zur Hütte des Alten.

„Jetzt brauchen wir nur noch Zwiebeln, Fleisch und Gewürze, aber es muss alles klein geschnitten werden. Hier ist ein scharfes Messer“, sprach der alte Mann als der Kalif den schweren Topf übers Feuer hing. Auch das tat der Kalif mit Freude, trotzdem er durch die Zwiebeldüfte heulte wie ein alter Schlosshund.

„Oh, mein Meister, aller Kochkünste, während das Fleisch, die Zwiebeln und die Kräuter kochen können wir schon das Brot zum Backen vorbereiten.“

Gesagt, getan. Der Alte wies dem Kalifen an, wie man die Zutaten zusammen mengt und der Kalif walkte den Teig mit Begeisterung. Er schaute schon gar nicht mehr erwartungsvoll, was der alte Mann für ein tolles Kunststück konnte, sondern fragte ihn, was er nicht noch alles verrichten könne.

Als nun alles erledigt war – selbst den Tisch hatte der Kalif am Ende wunderschön eingedeckt – fragte der Kalif voller Tatendrang den Derwisch: „Und, Alter, was müssen wir jetzt machen?“

„Wir essen!“, war die kurze Antwort.

In der Zwischenzeit war es schon dunkel geworden und der Hofstaat machte sich Gedanken, wo ihr Kalif wohl so lange abblieb. Sie schickten einen Boten zum Haus des Derwischs, um sich zu vergewissern, dass es dem Kalifen gut ging. Von weitem hörte der Bote schon ein Lachen und Schwatzen und als der Bote an der Tür stand, fand er den Kalifen halbnackt auf einem Teppich sitzend und sich angeregt mit dem Ehrwürdigen unterhaltend, vor. Der Kalif bemerkte den Boten und rief ihm zu, er werde noch eine Weile beim Derwischen bleiben, weil er grade noch das Gespräch zu Ende führen wolle.

Der Bote schüttelte den Kopf, da er nicht glaubte, was er da sah und hörte. Wie sollte er diese Geschichte dem Hofstaat beibringen, die würden ihm doch niemals glauben. Unverrichteter Dinge ging der Bote wieder zum Palast.

„Ach, das war ein wunderschöner Tag! Wo ist die Zeit nur hin? Jetzt zeig mir dein Kunststück, alter Mann!“, bat der Kalif.

„Beim Funkeln des Abendsterns, mein Herrscher über Land und Leute, ich muss euch gestehen, ich habe gar kein Kunststück zu bieten. Verzeiht mir! Aber war der Tag heute so langweilig, dass ihr euch beschweren kommt?“, sagte voller Demut der Derwisch.

„Beim Barte des Propheten! Das stimmt, Ich habe von der Minute an, als ich bei dir war, keine lange Weile verspürt, ja nicht einmal, dass es dunkel wurde, habe ich bemerkt. Du bist ein weiser Mann.“

„Oh, großer Herrscher meines Augenlichts ich muss euch noch etwas gestehen“, sprach der Derwisch weiter. „Ihr müsst wissen, dass ich gar kein weiser Mann bin.“

„Ach was, sei nicht so bescheiden. Ehre, wem Ehre gebührt und ich halte mich an mein Versprechen. Das halbe Kalifenreich soll deines sein. Und ich werde dich zum Efendi über das Land machen.“ Der Kalif wollte gar nicht mehr aufhören, Lobreden über den Derwisch zu halten, bis der Alte sich den Turban vom Kopf riss, das volle schwarze Haar der jungen Frau über ihre Schultern quoll und rief: „Ich bin kein Mann, ich bin eine Frau! Ich wollte nur einfach nicht glauben, dass man sich so derart den ganzen Tag langweilen kann. Verzeiht mir, es war ein alberner Scherz.“

Ein ungläubiges Schweigen schwebte in der Luft. Doch plötzlich lachte der Kalif aus vollem Herzen. Er konnte nicht glauben, dass er so einfach seine lange Weile verlieren konnte. „Egal!“, fasste sich der Kalif wieder. „Ich bin der Kalif und ich kann zum Efendi oder in deinem Fall, Hanımefendi, machen, wen ich will. Doch eines musst du mir versprechen!“

„Was?“

„Ich möchte in Zukunft den heutigen Tag einmal in der Woche wiederholen und es muss genauso ablaufen, wie heute.“

„Was immer ihr wollt, mein Gebieter!“, war die junge Frau erleichtert, denn sie hatte mit dem Schlimmsten gerechnet.

So geschah es dann auch. Die junge Frau wurde Hanımefendi über die Hälfte des Kalifenreichs und spielte einmal in der Woche die Geschichte vom Ende der Langeweile mit dem Kalifen.

Und wenn man die beiden so beieinander sah, konnte man fast meinen, es würden sich zarte Bande spinnen. Doch dies ist eine andere Geschichte.

˜ Ende ™

Adventskalender – No.21
Morgen mit den magischen Wörtern:

Uhr, Ring, Schlüssel, Kelch, Krone

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